Das kleine Mädchen

 

Das kleine Mädchen mit den seidenlangen braunen Haaren strich mit seinen pummeligen Händen über den Rock des sternengelben Prinzessinnenkleides. Die Krone aus goldenem Pappmaschee saß etwas schief auf dem glatten Haar. Auf jedes geduldige Zurechtrücken folgte wenige Minuten später ein erneutes Verrutschen des papiernen Schmuckstückes. Das Mädchen drehte ihren Zeigefinger in den dünnen regenzarten Tüll, der auf den seidenen Stoff genäht war und dem Kleidchen etwas Pompöses gab. Ihre großen braunen Rehaugen schienen in mich einzudringen, jedoch ohne mich zu bedrohen. Sie war mir vertraut, doch ich hatte sie noch nie zuvor gesehen. Sie saß auf dem Teppichboden meines Wohnzimmers, den knöchellangen Rock kreisförmig um sich ausgebreitet, und sah mich unverwandt an. Ich war erschrocken und verwundert über diesen unbekannten Besuch und brachte zunächst erst einmal nur ein erstauntes „Hallo“ heraus.

„Hallo“, antwortete das Mädchen ernst.

„Wie bist du denn hier hereingekommen?“, fragte ich weiter und ließ heimlich meinen Blick durch das Wohnzimmer streifen, um festzustellen, ob noch alles an seinem Platz war.

„Genauso wie du!“, sagte sie erstaunt.

„Mmh, du hast also auch einen Schlüssel für meine Wohnung?“

„Ja.“ Nachdenklich fügte sie dann noch hinzu: „Genau wie du eben.“

Das wollte mir einerseits nicht in den Kopf, andererseits wusste ich, es war die Wahrheit.

„Wie heißt du denn?“, wollte ich wissen.

„Wir haben doch beide den gleichen Namen, das habe ich dir doch schon erklärt!“, seufzte sie und schüttelte verständnislos den Kopf. „Du weißt aber auch gar nichts!“

„Offensichtlich“, dachte ich und kräuselte meine Lippen.

Was war nur passiert? Ein märchenhaftes Geschöpf saß bei mir im Wohnzimmer auf dem Teppich. Ich kannte es nicht, aber irgendwie doch. Es trug meinen Namen, was ich hätte wissen sollen, aber nicht wusste. Und ich glaubte fast, ihre Feenflügel flattern zu hören. Eigentlich war ich nur wie immer von der Arbeit nach Hause gekommen. Ich hatte weder Alkohol noch Tabletten oder andere Drogen genommen und war komplett nüchtern!

„Vielleicht kannst du mir helfen, mein Wissen etwas aufzufrischen?“

Während ich dies fragte, stellte ich fest, dass alles wie immer an seinem Platz stand und nichts fehlte.

„Du wolltest mit mir sprechen und hast mich gerufen.“

Die Kleine blieb ernst. Bisher hatte ich nicht das kleinste Lächeln entdecken können.

„Kannst du dich vielleicht daran erinnern, was ich von dir wollte?“

Ich legte meine Schultertasche auf das schaumfarbene Sofa und warf meinen Mantel über die Lehne.

„Ja, weiß ich.“

„Sagst du es mir auch?“

„Du wolltest herausfinden, wie es mir geht.“

Es wurde immer spannender.

„Warum wollte ich das herausfinden?“, fragte ich weiter, nachdem ich mich auf die vorderste Kante der Couch gesetzt hatte.

„Weil du etwas Gutes für mich tun wolltest.“

„Etwas Gutes also … mmh, du musst mir noch etwas weiterhelfen, ich komme nicht darauf.“

„Wenn du weißt, wie es mir geht, dann weißt du, wie es dir geht.“

Verwirrt sagte ich: „Wann habe ich denn darum gebeten?“

„Du tust es ständig. Ich bin auch immer gleich gekommen. Doch erst heute konntest du mich sehen.“

„Du warst schon öfter hier?“

„Ich war hier und in deinem Büro. Du hattest aber keine Zeit.“

„Und heute habe ich Zeit und deshalb kann ich dich sehen?“

„Ja. Und du fürchtest dich nicht mehr davor, mich anzuschauen und deine Fragen zu stellen.“

„Hatte ich vorher Angst?“

„Ja.“

Ich schwieg. Mein Gedächtnis konnte sich an nichts, aber auch gar nichts Derartiges erinnern. Wie konnte das geschehen? Ich war keine überlastete Angestellte, lebte glücklich mit Tochter und Ehemann und war im mittleren Alter. Bisher war ich völlig normal gewesen. Offensichtlich sollte sich das heute deutlich ändern. Doch wo blieben bloß meine lieben Familienmitglieder? Ein Blick auf den Wandkalender neben der Wohnzimmertür erinnerte mich an den Kinoabend, zu dem beide sich verabredet hatten. Dann musste ich mit meinem Irrsinn offensichtlich vorläufig alleine fertig werden.

„Ich kann dich also sehen, weil ich heute Zeit habe und keinen Schrecken mehr bekomme, wenn ich dich sehe?“

„Ja – und weil du gehört hast, dass es mich gibt.“

„War das für mich wichtig zu wissen?“

„Offenbar, denn ab dem Zeitpunkt wolltest du mit mir sprechen.“

„Gut.“ Ich dachte angestrengt nach.

„Nun, ich wollte also wissen, wie es dir geht – richtig?“

„Ja.“

„Also dann: Wie geht es dir, meine Kleine?“

...

Wie diese Geschichte endet, kannst Du in meinem Buch "Eulengeflüster" lesen! 

(ISBN: 978-3-7386-1655-2)

 

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