Die Leserin

Die Nacht legte sich dunkel und seidensanft über die glitzernde Stadt. Im Dunkel glänzte sternenklar ein wundervoller runder Mond. Der Sommer ging langsam auf das Ende zu, doch an diesem Abend wehte noch einmal ein goldwarmer Hauch durch den bunten Garten und die geöffneten Fenster. Er wirbelte leicht den Staub in einem der schokoladenbraunen Bücherregale auf, das zusammen mit den anderen in einer kleinen Bibliothek vor sich hindöste. Ein großer palmengrüner Sessel mit dazu passendem Fußhocker residierte in der Mitte. Der federweiße, flauschige Teppich umschloss sanft die Stuhlbeine und wiegte sich an manchen Stellen weich mit dem Luftzug. Die frische Brise tat den Büchern gut.

Mit angezogenen Beinen und tief in den Sessel hineingekuschelt saß eine junge Frau und las. Auf dem messingfarbenen Beistelltischchen stand eine Wasserkaraffe mit einem altmodisch verzierten Glas. Die langen, dunklen Haare hingen bewegungslos an beiden Seiten des Kopfes herab und sie selbst starrte wie eine Statue auf die Zeilen. Einzig ihre rot lackierten langen Fingernägel blätterten im regelmäßigen Abstand eine Seite nach der anderen um, während ihre tropfenblauen Augen über die Zeilen flogen.

„Jetzt hat es sie wieder erwischt“, zischelte es aus dem hinteren Regal, „das Buch muss gut sein.“

„Wie heißt es denn?“, flüsterte es zurück.

Ein ganzes halbes Jahr“, wurde auf die Frage geantwortet.

„Stand es schon hier bei uns im Regal?“

„Nee, ist neu. Das kriegen wir erst zu Gesicht, wenn sie‘s durchgelesen hat.“

„Ach ja, war das nicht schön, als wir noch dort unten mit ihr waren? Als sie uns mit ihren warmen Händen festhielt und unsere Buchstaben förmlich einsaugte?“, seufzte ein weißblaues Buch mit der Aufschrift Nele Neuhaus: Unter Haien.

„Ja, das war himmlisch!“                            

„Mich holt sie immer wieder, um in mir zu lesen!“

Überheblich klappte der forsche Duden seine erste Seite auf – oder war es der Wind?

„Gib nicht so an!“ entgegnete der Bourne Betrug von Robert Ludlum.

„Bei mir kann sie eben etwas lernen!“, zischte der Duden gekränkt zurück. 

...

Wie diese Story endet, könnt Ihr in meinem  Buch "Eulengeflüster" lesen!

(ISBN: 978-3-7386-1655-2)

 

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